Das Bindungstrauma
Was viele nicht wissen ist, dass es neben der einen, einzelnen außergewöhnlichen Belastung (Trauma), auch eine andere Variante gibt, die zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen kann. Das Bindungstrauma, auch Komplex-Trauma, kann durch eine langandauernde Belastung in Beziehungen zu anderen Menschen, zu PBTS und Trauma-Folgestörungen führen.
Sehr häufig beginnt es bereits in der Kindheit und Jugend mit den damaligen Bezugspersonen. Manchmal aber auch erst später in Partnerschaften oder auch Liebesbeziehungen. Hier sind es auffällig viele Menschen, die Opfer werden von narzisstischen oder gewalttätigen Personen.
Kennzeichen sind eine permanente, sich wiederholende konkrete oder diffuse Gefahrenlage (Bedrohung der eigenen Unversehrtheit oder Würde) durch emotionale Gemeinheiten wie Erniedrigungen, Beschämungen, Beleidigungen, Konflikte mit Schuldzuweisungen, Anschreien, Wegsperren oder auch oft Ignorieren und Vernachlässigung (alles Ausgrenzung). Fachleute sprechen hier von emotionaler Gewalt. Und diese ist ebenbürtig wie echte körperliche Gewalt, die häufig auch vorkam. Manchmal wie der berühmte und beschwichtigte Klaps auf den Po, aber auch Schubsen, Festhalten oder sogar Schläge.
Einige schildern auch Erlebnisse, dass sie ins Heim, Internat oder auch zu anderen Bezugspersonen gebracht worden sind. Gefühlt wurden sie umhergereicht, einfach weggesteckt und weggeben. Das verschärft Gefühle von Ohnmacht, Wertlosigkeit und Im-Stich-Gelassen-Werden. Diese Erlebnisse sollen aber nicht dazu anregen, von sich zu denken, dass man es ja doch nicht so schwer hatte wie die letzteren. Denn es geht um die Wahrnehmungsdimension, die bereits durch ein Ignorieren auf der gleichen Ebene erreicht werden kann wie ein Weggeben. Auch muss die individuelle Vulnerabilität und die Art der Grenzerfahrung berücksichtigt werden.
Zu welchen Folgestörungen es führen kann, möchte ich in Kurzform aufzählen.
Man fühlt chronischen Trauma-Stress, denn es betrifft im Grunde die gesamte Regulierung des affektiven Erregungs-Niveaus, Symptome ähnlich einer Borderline-Störung oder fehlenden Impuls-Kontrolle, Symptome ähnlich einer ADHS-Störung, selbstdestruktives oder riskantes Verhalten, die Hingabefähigkeit ist gestört, auch Amnesien oder Dissoziation, Somatisierungen (Körper-Auswirkungen), veränderte Selbstwahrnehmung, chronische Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, Schuldübernahme und Täter-Identifikation (auch Täter-Introjekte), Angststörungen, Depression, Zwangsstörungen, Veränderung in der Beziehung zu anderen Menschen (mangelndes Vertrauen, erhöhtes Mißtrauen, Bindungsabbrüche), häufiges ausgenutzt oder auch mißbraucht werden (Opfer-Haltung), selbst zum Täter zu werden, Gefühle von Verzweiflung und Ohnmacht, bisherige Lebensüberzeugungen gehen verloren und chronische Persönlichkeitsveränderungen.
Die Gefühle schwanken oft zwischen Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst und Panik, Ärger, Wut, Hass und Selbsthass. Betroffene versuchen all diese Gefühle angestrengt zu kontrollieren, was enorme Kraft kostet und sehr müde macht. Das Aushalten des Ganzen ist eine enorme Kraftleistung. (Auch wenn es einige Klienten nicht gerne akzeptieren wollen, sage ich an dieser Stelle, dass sie sehr starke und ausdauernde Menschen sind. Häufig halten Sie es jahrzehntelang aus, manchmal auch durch medikamentöse Unterstützung.) Dabei lehnen sie diese ganzen Gefühle ab und bewerten sie und sich als schlecht. Von den Emotionen losgelöst, denn diese sind oft nicht mehr zu definieren, ergibt sich in der Regel ein sehr deutlich spürbares Körpergefühl – die Anspannung. Rücken- und Schulterverspannungen sind häufig, aber auch der Kiefer ist betroffen, auch Zähneknirschen kann darauf hinweisen. Der Zustand der Übererregung (Hyperarousal) zeigt sich in der Aktiviertheit des sympathischen Nervensystems mit Symptomen – neben Verspannungen – von Schreckhaftigkeit, Herzrasen und auch Konzentrationsproblemen. Es ist ein Dauergefühl des Aufpassens (Wachsamkeit).
Wie Sie bis hierhin lesen konnten, gibt es Symptome, die dem Borderline-Syndrom, der fehlenden Impuls-Kontrolle oder auch dem ADHS ähneln oder gleichen. Es kommt nicht selten vor, dass Menschen in meine Praxis kommen, die eine oder gleich mehrere solcher Diagnosen haben. Manche haben auch einen Verdacht, dass sie darunter leiden könnten. Manche waren schon in Therapie und haben es immer noch nicht geschafft, ein beruhigtes und zufriedenstellendes Leben zu erreichen. Diese Menschen kann ich nur bitten, in sich zu gehen und zu explorieren, ob sie nicht auch mit Bindungs-Belastungen zu tun hatten. Appellieren möchte ich auch an Bezugspersonen von Betroffenen, nicht selten Jugendliche und junge Erwachsene, auch hier mal zu reflektieren und Betroffene zu unterstützen.
Es gibt derzeit viele Verfahren, wie die einzelnen Traumatisierungen eines Bindungstraumas rekonfrontiert und bewältigt werden können. Denn es sind nämlich ganz viele kleine und große Mono-Traumata. Diese sind mit Geduld und erfahrener Umsicht aufzulösen. Es gibt viele Stolperfallen, die man als erfahrener Therapeut berücksichtigen muss. Neben Imaginativen Verfahren, der Inneren-Kind-Arbeit (Ego-State-Therapie), indirekter und sanfter Therapie auch das sehr wirkungsvolle EMDR.
Am Anfang steht auch hier, wie beim Mono-Trauma, der oberste Grundsatz der Stabilität. Es gilt erst mal einen geschützten Rahmen zu etablieren und dann Ressourcen zu sammeln, um dann schrittweise und sicher in die Re-Konfrontation zu gehen. Um den Großteil des Alten dann loszulassen und gute Anteile zu integrieren.
Hoffnung auf Besserung der eigenen Befindlichkeit zu haben ist hier nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.
Viele Grüße
Giuseppe Bellino
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